Fliegerlied, „deutsche Leitkultur“ und anderer Unsinn

„Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.“

„Wer sich seiner Leitkultur sicher ist, ist stark“

Diese beiden Sätze stammen von unserem aktuellen geschäftsführenden Innenminister Thomas de Maizière. Damit trug er seinen Beitrag zur Debatte um die „deutsche Leitkultur“ bei, die im vergangenen Frühjahr das Land beschäftigte.

Aber was ist das eigentlich, eine Leitkultur? Mit dieser Frage beschäftigte sich damals auch Thomas de Maizière. Hier findet ihr das gesamte Statement von Thomas de Maizière in einem Artikel der ZEIT.

Leitkultur besteht für den Minister aus zehn Punkten die es zu beachten gilt.
Schon im ersten Punkt beruft sich de Maizière auf die demokratische Grundwerte indem er zum Beispiel das Vermummungsverbot auf Demonstrationen erwähnt. Gefolgt von dem markigen Satz: „Wir sind nicht Burka.“
In welchem Zusammenhang diese beiden Punkte stehen überlasse ich dann einfach dem Innenminister der sich zumindest mit dem ersteren Gebiet ja auskennen sollte. Sicherlich kann man durch das Vermummungsverbot begründen, dass das Demonstrieren in einer Burka verboten ist. Inwieweit dies allerdings in der Realität ein Problem darstellt kann ich nicht sagen.
Wohin die Ausweitung eines derartigen Verbotes auf das Leben außerhalb von Demonstrationen (unter Berücksichtigung der Allgemeinen Grund- und Menschenrechte) führt lässt sich an einem aktuellen Beispiel in Österreich beobachten.

Im zweiten Punkt erklärt der Minister das wir „Bildung und Erziehung als Wert [sehen] und nicht allein als Instrument.“ Das mag durchaus stimmen trifft aber wohl auch auf die meisten anderen Kulturen dieser Welt zu.

Ähnlich nichtssagend sind die Sätze: „Wir sind Erben un­se­rer Ge­schich­te mit all ihren Höhen und Tie­fen. Un­se­re Ver­gan­gen­heit prägt un­se­re Ge­gen­wart und un­se­re Kul­tur. Wir sind Erben un­se­rer deut­schen Ge­schich­te.“ Mit diesen beschreibt de Maizière die Herkunft unserer Kultur die er als „Ringen um die deutsche Einheit in Freiheit und Frieden“ bezeichnet. Im darauf folgenden Satz wird dann noch kurz das „besondere Verhältnis zum Existenzrecht Israels“ abgehandelt. Für mehr deutsche Geschichte war in einem derart kurzen Satement wohl kein Platz mehr und sonst gibt es ja auch nichts mehr was unsere Kultur beeinflusst hätte, oder?

In Punkt sechs spricht der Innenminister dann von den christlichen Kirchen als prägendes Element unserer Kultur und wichtiger Bestandteil des Lebens der Menschen in Deutschland. Dabei stellen die Angehörigen der christlichen Kirchen in Deutschland nur circa 60% der Bevölkerung dar (EKD, Statistik über die Äußerung des kirchl. Lebens in den Gliedkirchen der EKD im Jahr 2010). Immerhin 5% der Bevölkerung sind Muslime und ein Anteil von einem Drittel Konfessionslos. Da diese Daten eine mittlerweile sieben Jahre alte Statistik zu Grunde legen ist davon auszugehen, dass sich der Anteil der Christen bis heute weiter verringert hat. Wie sinnvoll ist es also der deutschen Bevölkerung des Jahres 2017 zu bescheinigen der christliche Glauben sei der „Kitt“ der Gesellschaft?

Immerhin ist auch de Maizière durchaus bewusst das seine Ausführungen, die ich hier in Auszügen kommentiert habe, nicht vollständig sind. Trotzdem kommt er am Schluss zu dem Fazit, dass wir „wenn wir uns klar dar­über sind, was uns aus­macht, was un­se­re Leit­kul­tur ist, wer wir sind und wer wir sein wol­len, wird der Zu­sam­men­halt sta­bil blei­ben, dann wird auch In­te­gra­ti­on ge­lin­gen – heute und in Zu­kunft.“

Was also ist diese deutsche Leitkultur der ich mir bewusst werden soll? Und wozu genau ist die dann eigentlich gut? Ist Kultur nicht einem dauerhaften Wandel unterzogen?

Diese Fragen habe ich mir hier in Costa Rica in letzter Zeit häufiger gestellt. Die Kinder fragen immer wieder: „Was ist deutsch? Was ist typisch für dein Land?“ und im Rahmen des Deutschunterrichts für zwei Arbeitskolleginnen haben wir gerade die verschiedenen Bundesländer Deutschlands behandelt. Pro Bundesland eine Folie in der Bildschirmpräsentation? Was also ist typisch für Berlin, für Schleswig-Holstein oder für Baden-Württemberg?

Wenn ich in den letzten Wochen immer wieder Blogbeitrage meiner Mitvolontäre des CVJM und anderer deutscher Volontäre anschaue sehe ich, dass auch diese immer wieder mit dieser Frage konfrontiert wurden und ihre ganz eigenen, persönlichen Antworten darauf gefunden haben.
Mehrmals lief mir dabei das „Fliegerlied“ (So ein schöner Tag, Tim Toupet) über den Weg.

Die Menschen die wie ich nur den Refrain dieses Liedes kannten können sich hier den Song komplett anhören.

Dieser Song wurde diverse Male zu so etwas wie der inoffiziellen deutschen Nationalhymne auserkoren und immer wieder herangezogen um Deutschland zu beschreiben. Häufig in Verbindung mit Lederhosen/Dirndl.
Leider drängt sich mir dabei die Frage auf in wieweit die Menschen die ein solches Bild Deutschlands propagieren auch deutlich betont haben, dass das Abseits des „beliebtesten Drogenfestivals des Landes“ mit deutscher Kultur sehr wenig zu tun hat. In diesem Punkt würde mir vermutlich sogar unser geschäftsführender Innenminister zustimmen, auch wenn sonst unsere Auffassung von Leitkultur stark differiert.

Was also ist deutsch?
Meiner Meinung nach lässt sich diese Frage nicht beantworten da die Antwort auf diese Frage sehr individuell ist und stark von der Herkunft des Gefragten abhängt.
Für mich haben Oktoberfest, Lederhosen und Weißbier genau so wenig mit meiner Kultur zu tun wie Fischbrötchen oder Schwarzsauer. Eine Person die aus Bayern oder aus Norddeutschland kommt würde mir da vermutlich widersprechen und hätte damit vollkommen recht denn dort gehört Besagtes tatsächlich zum Kulturgut.
Wir als Volontäre die in besonderem Maße nicht nur unsere Entsendeorganisation sondern auch unser Land repräsentieren sollten also nicht den Fehler machen den Eindruck zu erwecken, dass lokale Bräuche eine gesamtdeutsche Kultur wären und somit das vorurteilsbehaftete Bild des „Deutschen“ in der Welt noch zu verstärken.

Viel eher sollten wir den gemeinsamen Teil unserer Kultur, wie unsere gemeinsame Geschichte und die Werte zu denen sich unsere Demokratie im Grundgesetz und der Charta der Menschenrechte bekannt hat stehen und für Frieden, Akzeptanz und Humanität in der Welt werben.

Zum Schluss möchte ich euch noch diesen Beitrag zur Leitkulturdebatte von Jan Böhmermann ans Herz legen.

2 Gedanken zu “Fliegerlied, „deutsche Leitkultur“ und anderer Unsinn

  1. Hallo,
    ich habe diesen Artikel mit großem Interesse gelesen und finde Deine Gedanken sehr interessant.
    Was sehr gut zu diesem Thema passt sind die Folgen von TerraX von Christoper Clark.
    In einer Reihe analysiert er da uns Deutsche und in den letzten Wochen (6 an der Zahl) hat er uns Europäer analysiert. Wenn Du mal die Gelegenheit bekommst Dir diese Folgen anzusehen würde ich Dir das unbedingt empfehlen.
    Es werden da der geschichtliche Hintergrund, politische, menschliche und technische Entwicklungen beleuchtet. Alles auf eine interessante und humorvolle Art und Weise.
    Habt Ihr die Gelegenheit in Costa Rica DVDs oder sowas anzusehen?
    Wenn ja, könnte ich versuchen Euch die Folgen zukommen zu lassen.
    Ich bin die Tante von Jeremias und weiß das mein Bruder den Jeremias besuchen kommt. Vielleicht könnte er Euch die DVDs mitbringen.
    Viele Grüße und noch eine schöne Zeit in Costa Rica
    Barbara

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